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Urban Priol zieht schon mal Bilanz
Main-Post, 01.12.2017

Jahresenden sind stressige Zeiten für politische Kabarettisten. Zumindest für jene, die sich des Rückblicks verschrieben haben und Bilanz ziehen von dem, was zwölf Monate lang war. Sie müssen früh genug anfangen mit ihrer Jahresverabschiedung, haltbar bis weit in den Januar hinein soll der Rückblick auch sein – aber halt doch auch aktuell. Und gerade aktuell gib's ja politisch viel zu sagen, zu deuten, zu analysieren . . . Aber ob das dann noch Anfang 2018 gilt? Oder nächste Woche? Da kommt sicher noch was Wetten, dass „Tilt!“, der traditionelle Rückblick von Urban Priol, am 10. Januar in Veitshöchheim etwas anders sein wird als am Mittwoch – ganz frisch! – bei der längst ausverkauften Vorpremiere im Würzburger Bockshorn? Und dass Priol bei seinem „Tschüssikowski 2017“ im ZDF am 20. Dezember auch Dinge ansprechen wird und muss, von denen selbst ein beschlagener Politanalyst, langgedienter Absurditäten-Entlarver und ausdauernder Hochgeschwindigkeitslogiker noch nichts ahnt. Aber manches schwant ihm. Dass es um den plötzlichen Rückkehrer des Jahres, den „Blender-Baron“, den „Ex-Geölten“, der bei der CSU im Wahlkampf die Zelte und Marktplätze füllte, in jüngster Zeit wieder verdächtig ruhig wurde . . . Nein, „man sollte noch keine Vermisstenanzeige aufgeben“, sagt Priol über Karl Theodor, den Geläuterten. Und malt sich aus, wie Horst Seehofer den als Trumpf nächste Woche wie einen Springteufel aus der Tasche zieht . . . Schlüssig wie die Händeraute Aber, Rückblick mit längerer Haltbarkeit, was wird bleiben von 2017? In der Jahresbilanz des Aschaffenburger Marathonredners tauchen auf: Merkel, Merkel, Merkel und noch mal Merkel, außerdem Angie, Uns-Angela, „ein unbeugsames Es, das nicht aufhört, der Realität Widerstand zu leisten“, eine Frau „mit der Verdrängungsleistung eines Hochseetankers“ und Lady Pattex. Für die selbst Punk Campino – der Kabarettist ist aufs Mark erschüttert – warb. Es war eben kein Fußball-WM-, sondern ein Wahljahr. Und gleich ob Maut, Trump, G20-Desaster, Dieselskandal, Kohl, Klimawandel, Brexit und Air Berlin: Bei Priol läuft am Ende doch alles so schlüssig gefügt wie ihre Händeraute bei der Frau zusammen, von der es seit zwölf Jahren heißt, sie ist sehr geschickt. „Aber keiner weiß genau von wem.“ Immerhin kennt die Republik nun das Geheimnis, wie die Kanzlerin ihre Kartoffelsuppe zubereitet. Alles stampfen, bis nur noch kleine Stücke übrig sind. „So geht es auch dem Koalitionspartner.“ Nach drei Stunden Erklärung des Unfassbaren, Bizarren und Abstrusen schlägt Urban Priol die Kladde zu. Und stellt die übrigbleibende Frage, die sicher an Silvester noch nicht beantwortet ist: „Wenn der Weg das Ziel ist, wie viel Maut wird er uns kosten?“

ZUM TEXT

Randnotizen

Deutscher Kleinkunstpreis 2017
Die Preisträger des Deutschen Kleinkunstpreises 2017 stehen fest:
Tobias Mann (Kabarett)
Die Feisten (Chanson/Musik/Lied)
Nico Semsrott (Kleinkunst)
Konstantin Wecker (Ehrenpreis des Landes Rheinland-Pfalz)
Hazel Brugger (Förderpreis der Stadt Mainz)



Dieter-Hildebrandt-Preis 2017: 
Josef Hader



Bayerischer Kabarettpreis 2017:
Michael Altinger (Hauptpreis)
Hazel Brugger (Senkrechtstarter-Preis)
Maxi Schafroth (Musikpreis)
Helge Schneider (Ehrenpreis)



Die Preisträger des Salzburger Stier 2017 wurden bekanntgegeben:
Hosea Ratschiller und RaDeschnig (Österreich)
Helmut Schleich (Deutschland)
Hazel Brugger (Schweiz)


Der "Salzburger Stier" wurde 2017 zum 36. Mal in Kooperation der deutschsprachigen Radiosender von Deutschland, Österreich, der Schweiz und Südtirol (RAI Sender Bozen) vergeben.


 




 

 

Mathias Repiscus wurde der Kulturpreis 2012 der Stadt Würzburg verliehen

Die Stadt hat damit die Verdienste des Regisseurs und Theaterleiters gewürdigt. In der Würdigung heißt es: "Mathias Repiscus ... ist ein großer in der deutschen Kleinkunstszene: Er bereitet ihr in seinem Bockshorn in Würzburg nicht nur die Bühne - er hat in den zurückliegenden 25 Jahren auch schon so manchen Kleinkünstler ganz schön groß gemacht." Zudem habe die Entscheidung, das Bockshorn aus Sommerhausen nach Würzburg zu verlagern, Würzburg einen deutschlandweiten Ruf als Kabarettstandort eingebracht.